Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge

Eine inklusionstheoretische Studie

Seit der sog. „Flüchtlingskrise“ von 2015 debattieren Politik und Öffentlichkeit darüber, wie die Zuwanderung von Flüchtlingen nach Deutschland und deren Integration gestaltet werden kann. Diese Debatte ist von zwei Narrativen geprägt: Von einem rechten Narrativ, das in Zuwanderungen die Gefahr einer kulturellen, religiösen und ethnischen Überfremdung sowie eine ökonomische Überlastung Deutschlands sieht und sich auf die Einheit des Nationalstaates bezieht. Aber auch von einem linken Narrativ, das auf soziale Offenheit als humanitäres Gebot pocht und in Zuwanderungen kulturelle Bereicherungen und ökonomische Chancen sieht. In beiden Debatten wird Zuwanderung und Integration als Herausforderung diskutiert, der mit einer verschärften oder gelockerten Asylgesetzgebung zu begegnen ist. Wie, wo und unter welchen konkreten Bedingungen Flüchtlinge praktisch auf die Gesellschaft treffen und wie sich Integration in der konkreten Praxis vor Ort tatsächlich vollzieht, gerät in dieser Debatte jedoch kaum in den Blick.

An dieser Stelle setzt das DFG-Forschungsprojekt „Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge“ an. In Gesprächen mit Expert*innen aus verschiedenen Andockstellen wirft das Projekt einen detaillierten Blick auf die Abläufe, Probleme und Fragen, die entstehen, wenn Flüchtlinge mit Gesellschaft „in Kontakt kommen“. Das Projekt interessiert sich insbesondere für die medizinische Versorgung in Arztpraxen, die Verwaltung in Ämtern und Behörden, die pädagogische Arbeit von Lehrkräften in Schulen, die Zusammenarbeit mit Flüchtlingen in Unternehmen und die künstlerische Arbeit in Theater- und Tanzprojekten.

Projektnummer
428452742
Projektbeginn
Oktober 2020
Laufzeit
36 Monate
Leitung
Prof. Dr. Armin Nassehi
Dr. Irmhild Saake
Mitarbeitende
Dr. Marlene Müller-Brandeck
Till Ernstsohn
Matthias Tann
Veröffentlichungen
Müller-Brandeck, Marlene (2025): Die Sakralisierung der Identität. Eine Soziologie der Identitätspolitik. Frankfurt am Main: Campus. https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wissenschaft/soziologie/die_sakralisierung_der_identitaet-18585.html

Nassehi, Armin, Irmhild Saake und Bjarne von Gaessler (2024): Selektiver Zugriff mit Spielräumen. Über die Inklusion von Geflüchteten in der ‚Andockstelle‘ Verwaltung, in: Soziale Systeme 29 (2024), S. 153-181. doi.org/10.1515/sosys-2024-0007

Nassehi, Armin (2023): Fremdheit; der Fremde (Art.) in: ders.: Gesellschaftliche Grundbegriffe. Ein Glossar der öffentlichen Rede, München: C.H. Beck 2023, S. 68-83. doi.org/10.17104/9783406807695

Müller-Brandeck, Marlene (2023): Die ‚Woke‘ als Avantgardistin – Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in identitätspolitischer Literatur. In: Villa Braslavsky, P.-I. (Hrsg.). Polarisierte Welten. Verhandlungen des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bielefeld 2022. doi.org/10.21241/ssoar.99216

Müller-Brandeck, Marlene (2023): Back to the roots – Ein Plädoyer für eine methodologische Begrenzung in der Migrationsforschung. In: Villa Braslavsky, P.-I. (Hrsg.). Polarisierte Welten. Verhandlungen des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bielefeld 2022. doi.org/10.21241/ssoar.99071

Nassehi, Armin (2022): In welcher Gesellschaft werden Menschen unterschieden? in: Soziologische Revue 45, S. 334-340. doi.org/10.1515/srsr-2022-2027